Familie Lochschlenker hatte Bahn 1, die Pyramiden, beendet. Während Magda noch grübelte, was ihr Mann mit „Gott, sei ihr gnädig“ gemeint haben könnte, war Ingolf bereits in eine andere Welt abgetaucht. Zeit und Raum vergessend war jedes der noch folgenden Hindernisse ein besonderes Erlebnis, wobei Ingolf gar nicht vordergründig darauf achtete, wie viele Schläge er jeweils benötigte. Vielmehr interessierte ihn zu ergründen, warum ein gespielter Ball nicht das machte, was Ingolf eigentlich beabsichtigte. Dies war der Beginn seines Studiums vom Zusammenspiel der Komponenten, die zum perfekten Schlag führen. Wie von selbst machte sein Gefühl für Richtung und Schlagstärke von Bahn zu Bahn Fortschritte. So notierte Willi kaum eine Bahn mit mehr als drei Schlägen, ab und zu mal eine Zwei und an Bahn 11, dem Mittelhügel, sogar ein Ass. Ingolf war fasziniert von dem Anblick wie ein Ball, den er selbst gespielt hatte, mit nur einem Schlag seinen Weg zum Loch fand.
Viel zu früh, so empfand es jedenfalls Ingolf, gelangte Familie Lochschlenker schließlich zu Bahn 18. „Das ist aber ein interessanter Doppelzacken“ bemerkte Magda. Sohnemann Ingolf ignorierte die Aussage seiner Mutter und gab keine Antwort. Denn klar war, dass die Bahn wie ein Blitz und nicht wie ein Doppelzacken aussah. Außerdem war es wichtiger zu erkennen, wie man dieses Hindernis am besten bezwingen konnte. Ingolf entschied sich im Gegensatz zu seinen Eltern für eine (die) Schlagvariante durch die Mitte. Er benötigte satte 5 Schläge, war aber dennoch überzeugt, dass er die richtige Alternative gewählt hatte.
Die Runde war nun beendet und üblicherweise ist dies der Zeitpunkt, an dem sich Kinder mit allen nur erdenklichen Mitteln ein Eis erbetteln. Nicht aber so bei Ingolf. Er hatte nur einen Wunsch. Papa, der Protokollführer, sollte nun Ingolfs Ergebnis ermitteln. Willi Lochschlenker rechnete und rechnete und herauskam eine Punktzahl von nicht weniger als 54 Schlägen. „Vierundfünfzig Schläge, und jeden einzelnen habe ich allein gemacht“, dachte Ingolf und war sichtlich stolz auf seine Leistung. „Vierundfünfzig geteilt durch Achtzehn, das macht im Durchschnitt genau drei Schläge pro Bahn“ murmelte Willi derweilen leise vor sich hin. Ingolf hörte dies und wurde nachdenklich. Natürlich hatte ihm jeder einzelne seiner 54 Schläge großen Spaß bereitet. Er erkannte aber auch, dass sich der Spaßfaktor mit abnehmender Schlagzahl noch weiter steigern ließ. Das sollte doch zu schaffen sein. Denn drei Schläge oder weniger hatte er ja an einer ganzen Menge Bahnen schon in seiner allerersten Runde geschafft.
Erwachsene Nichtgolfer würden Ingolfs Erkenntnis vielleicht einfach nur kindlichen Ehrgeiz nennen. Niemals würden diese Menschen verstehen, dass Bahnengolf und das Eifern nach besseren Ergebnissen bis hin zur ersten Achtzehn zur Sucht werden kann. Diese, bereits ihre Klauen ausstreckende Suchtgefahr erkannten zu diesem Zeitpunkt weder Willi noch Magda Lochschlenker. Für den gerade erst Siebenjährigen sollte aber schon jetzt eines feststehen. Er würde niemals einer jener erwachsen ignoranten Nichtgolfer werden - auch wenn dieser bedauernswerte Typus Mensch zweifelsohne die Bevölkerungsmehrheit darstellte. Berufung oder Schicksal, egal wie man es nennen möchte, Ingolf spürte, dass er sein erzieltes Ergebnis noch verbessern konnte. Verbessern konnte? Nein, verbessern musste! ...
Teil 1: Nomen est omen
Teil 2: Des Rätsels Lösung
Teil 3: Aller Anfang ist schwer
Teil 4: Weniger ist oftmals mehr
Es war ein verregneter Novembermorgen an dem Magda Lochschlenker ihren ersten Sohn gebar. Der neugeborene Erdenbürger war kerngesund und wies hinsichtlich Größe und Gewicht nahezu Idealmaße aus. Einzig seine Kopfform erstaunte die Eltern Willi und Magda Lochschlenker: Kugelrund – eine sicherlich nicht alltägliche Erscheinung! Zudem hatten die frischgebackenen Eltern fest mit einem Mädchen gerechnet und daher männliche Vornamen bei ihren Überlegungen ausgeschlossen. Doch das kleine Kugelköpfchen war zweifelsfrei ein Junge und ein Name mußte her - und zwar schnell!
Ihren letzten gemeinsamen Kugel- oder besser gesagt Ballkontakt hatten Willi und Magda am vergangenen Wochenende bei einer Runde Minigolf. Irgendetwas mit Golf mußte es also sein. Und zum Nachnamen Lochschlenker sollte es auch passen. Nach kurzer Bedenkpause entfuhr es den beiden wie aus einem Munde: Ingolf - Ingolf Lochschlenker, dieser und kein anderer Name mußte es sein!
Schon nach wenigen Wochen zeigte sich, daß der Name gut gewählt war. Denn Ingolfs Lieblingsspielzeug war nicht etwa der Beißring oder die klassische Babyrassel – nein, es war ein Knautschball dessen Durchmesser, je nach Druckstärke, exakt zwischen 37 und 43 Millimetern variierte. Natürlich besaß Ingolf auch einen Schnuller, aber Einschlafen ohne seinen geliebten Knautschball, das war undenkbar.
So verwundert es auch nicht, daß Ingolf bereits im Verlaufe seiner ersten Sprechversuche seinem Liebling einen Namen gab. “Flummi“ hieß sein Schatz und klar und deutlich war die Aussprache.
Die Zeit verging und schon bald stand der erste Kindergartentag bevor. Ingolf hatte keine Angst vor dem unbekannten Gebäude und vor dem Trubel, der dort herrschte. Zwar durfte aufgrund der Kindergartenordnung weder seine Mama, noch sein Papa bei ihm bleiben, doch sein bester Freund Flummi hatte ihn schließlich noch nie im Stich gelassen. Und gegen die Mitnahme eines kleinen Balles hatte niemand etwas einzuwenden. So kam es, daß Ingolf niemals ohne seinen kleinen Freund den Kindergarten besuchte und niemals überließ er ihn einem Spielgefährten.
Doch es kam, wie es kommen mußte. Eines Tages im allgemeinen Kindergartentrubel vermißte Ingolf seinen Flummi. Er mußte ihn wohl verloren haben. Ingolf wurde heiß und kalt und ehe er sich versah, hatte er vor lauter Aufregung sogar in die Hose gepinkelt. “Egal“, dachte er und fegte wie wild durch die Räume des Kindergartens. Irgendwo mußte Flummi doch sein. Schon nach kurzer Suche war Ingolf erfolgreich und machte zudem eine faszinierende Beobachtung. Frank, ein Junge aus der Nachbargruppe trieb ein Spiel mit Flummi, auf das Ingolf nie zuvor gekommen war. Frank schlug mit einem Stock gegen Ingolfs geliebten Freund und dies schien dem kleinen Ball sogar zu gefallen. Flummi rollte mal schnell, mal langsam, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Es sah wunderbar aus, wie Flummi sich bewegte. Und er tat genau das, was Frank ihm vorgab zu tun. “Das ist spitze“, dachte Ingolf und forderte kurz darauf sein Eigentum energisch und mit Erfolg zurück. Und während er sich langsam mit gespreitztem Gang aufmachte, um seiner Erzieherin zu beichten, daß da etwas in die Hose gegangen war, wurde Ingolf eines klar. Franks Spiel war gut, aber noch nicht ausgereift!
Dieser Gedanke ließ Ingolf nicht mehr los. Kein Tag verging, ohne daß Ingolf nach der unbekannten Lösung suchte. Dies ging sogar so weit, daß Ingolf darauf bestand, noch vor der üblichen Zeit ins Bett gebracht zu werden. So konnte er in Ruhe nachdenken. Doch auch diese Maßnahme brachte nichts. Viele Monate vergingen und noch immer hatte Ingolf des Rätsels Lösung nicht gefunden.
Und eines Tages – Ingolf war mittlerweile sieben Jahre alt und besuchte die zweite Klasse – geschah das Unglaubliche.......
Es war einer dieser langweiligen Sonntage, an denen Magda und Willi Lochschlenker, die Eltern des kleinen Ingolf, mal wieder auf die Idee kamen, einen ach so spannenden Spaziergang zu unternehmen. Und natürlich durfte der siebenjährige Sohnemann hierbei nicht fehlen. Wenigstens beschloß Papa, nicht wie jeden Sonntag rund um den Gähnweiher zu latschen. Und so fuhr Familie Lochschlenker erstmals seit Ingolfs Geburt ins zwanzig Kilometer entfernte Putthausen. Dort gab es einen kleinen Park, den Lochschlenkers schon lange mal wieder besuchen wollten. Ingolf jedoch sah dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen. Was sollte es da schon geben. Ein paar Blumenbeete, vielleicht einen kleinen See mit einer Menge fettgefressener Enten. Oder im besten Falle einen Spielplatz, der auch nicht spannender sein wird als diejenigen, die er schon kannte. Doch es gab kein Entkommen. Papa bließ zum Abmarsch und wie immer nahm Ingolf seinen vielgeliebten und ewigen Begleiter Knautschball “Flummi“ mit.
Die Autofahrt war zäh und zu allem Übel kramte Papa noch seine Lieblings-CD “Lustig singen die Rudelgolfer Minispatzen“ hervor. Der kleine Ingolf litt als Fan zeitgenössiger Popmusik wahre Höllenqualen. Alle Proteste halfen nichts. Ganz im Gegenteil - Magda und Willi begannen sogar mitzusingen ( sofern man überhaupt von singen sprechen konnte ). Um die Situation einigermaßen ertragen zu können, drückte Ingolf seinen Flummi so fest es nur ging an sich und siehe da, Ingolf überstand dank Hilfe seines treuen Freundes die unendlichen restlichen vierzehn Kilometer ohne körperliche oder geistige Schäden.
Endlich in Putthausen angekommen, begann es leider nicht wie aus Kübeln zu regnen. Dies wäre nämlich die letzte Chance gewesen, sofort und ohne Spaziergang wieder nach Hause zu fahren. Die ersten Meter im Park zeigten wie erwartet ein langweiliges Bild. Doch dies sollte sich ändern. Nach etwa fünf Minuten Gehzeit erreichte Familie Lochschlenker ein kleines Häuschen, das wie ein Kiosk aussah. Es war auch ein Kiosk, aber wahrlich kein gewöhnliches!
Es war nicht die Eistafel mit einer tollen Auswahl von nicht weniger als fünfzehn Sorten, die Ingolf faszinierte. Nein, es war die Anlage, die sich hinter dem Kiosk erstreckte. In einem wunderschön gepflegten Garten lagen eins, zwei, drei – ja genau achtzehn weiße umrandete Platten, die fast alle mit einem Kreis am Ende aufhörten und in deren Mitte sich ein kleines Loch befand. Willi Lochschlenker bemerkte, daß sich sein Sohnemann ganz offensichtlich für die Putthausener Miniaturgolfanlage interessierte und erklärte Ingolf in laienhafter Unwissenheit, daß es sich hierbei um die Bahnen einer Minigolfanlage handle. Ingolf selbst bekam (glücklicherweise) nur den ersten Teil der Erklärung seines Vaters mit, da es ihn wie magisch in die Mitte des Platzes zog, um alles ganz genau sehen zu können. Was er gerade noch mitbekam war, daß man die weißen Platten “Bahnen“ nannte.
Toll waren sie diese Bahnen. Gleich Bahn 1 hatte Aufbauten, die Ingolf an sein Bilderbuch “Die Wunder der Antike“ erinnerte. Wie hießen die Dinger doch gleich? Natürlich – Pyramiden! Bei Bahn 2 dachte Ingolf sofort an einen Irrgarten und es überrascht sicherlich nicht, daß es hierbei um das Labyrinth handelte. Auch zu Salto, Brücke und Sandkasten entpuppte sich auf Anhieb eine persönliche Beziehung. Und wie sehr liebte Ingolf doch Bäcker Krauses Gebäckstück, genannt Schnecke. Eigentlich kein Wunder, daß Ingolf gerade während dieses Gedankens auf Bahn 10 blickte. Ingolf lies sich bei seinen Beobachtungen viel Zeit und an Bahn 18 angekommen durchfuhr es ihn wie ein Blitz: Vorne am Kiosk ist es doch möglich, ein kleines Körbchen mit Bällen leihen!
Auf dem Weg dorthin warf Ingolf einen kurzen Blick auf seinen geliebten Flummi. Es durchfuhr ihn daraufhin wie ein Doppelblitz. Flummi hatte exakt die gleiche Größe wie die Bälle, die man zum Bespielen der Anlage bekam. Daß man dazu noch einen Eisenstock bekam, der in seiner Form doch sehr an Franks Kindergartenspiel erinnerte (siehe Teil 1), machte die Sache geradezu zu einem Muß. Bälle und Schläger müssen her! Und ohne es zu bemerken, verinnerlichte Ingolf in diesem Moment, daß die Sache “Bahnengolf“ mehr als nur ein Spiel sein kann.....

Natürlich stimmten Magda und Willi Lochschlenker zu, als Ingolf darauf bestand, eine Runde Minigolf zu spielen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil beide sich gut daran erinnern konnten, dass sie ihr letztes Minigolfspiel kurz vor Ingolfs Geburt genau hier in Putthausen bestritten. Wie sich die Dinge doch zum Guten wenden können. Denn eigentlich beabsichtigten Ingolfs Eltern lediglich einen langweiligen Spaziergang rund um den Gähnweiher zu unternehmen, dessen einzige Attraktion sich in einer Vielzahl fettgefressener Enten erschöpfte.
Während Papa Lochschlenker sich um das Ausleihen von Bällen und Schlägern kümmerte, wartete Ingolf zusammen mit seiner Mutter bereits an Bahn 1. Ingolf verspürte ein seltsames Kribbeln in der Magengegend. Ihm war klar, dass etwas Besonderes bevorstand. Etwas ganz Besonderes. Gleichzeitig wunderte es ihn, dass er bei den Erwachsenen bisher niemals etwas von der „Ersten Runde“ gehört hatte. Denn andere Begriffe wie Erster Schultag, 1. Heilige Kommunion, Erster Weltkrieg oder auch Erste Hilfe, eben Begriffe, die besondere Ereignisse bezeichnen, hatte er dagegen des öfteren schon gehört. Aber da war noch etwas. Natürlich – das „Erste Mal“! Endlich verstand Ingolf, was hinter diesen beiden Worten steckte. „Das wurde aber auch Zeit“, dachte Ingolf, denn er war ja immerhin schon sieben Jahre alt und ging in die erste Klasse.
Seinen in Gedanken versunkenen Sohn unterbrach Willi mit einem schnörkellosen „Auf geht’s, Großer. Du bist dran!“ Es war Ingolf völlig entgangen, dass seine Mutter die erste Bahn bereits gespielt hatte. Und dies war auch gut so. Magda stellte sich nämlich derart ungeschickt an, hätte Ingolf sie beobachtet, dies sicherlich zu einem schockierenden Kindheitserlebnis mit weitreichenden Folgen für den Rest seines noch so jungen Lebens geführt hätte. Glücklicherweise wies Willi im Hinblick auf den Rest der Runde seine Frau auf ein paar Kleinigkeiten hin. So zum Beispiel, wie man einen Schläger richtig herum in die Hand nahm und, was die Schlagstärke betrifft, die Bahnen nicht sechzig, sondern lediglich sechs Meter lang seien. Magda beherzigte die guten Ratschläge, was letztlich dazu führte, dass weder eines der restlichen Hindernisse noch der kleine Ingolf zu Schaden kam.
Nun also war Ingolf an der Reihe. Und noch bevor er zu seinem ersten Schlag ausholte wurde eines deutlich. Seine Ballablage war geradezu liebevoll, sein Stand und seine Schlägerstellung verrieten golferischen Instinkt und sein Blick zeugte von einem Maß an Konzentration, wie es für einen Siebenjährigen sicherlich nicht üblich ist. Kurzum, der Junge mußte Talent haben.
Ingolfs Schlagausführung war gut, wenn auch etwas zu locker. So kam sein Ball genau hinter der letzten Pyramide zur Ruhe, was ein Einlochen mit zwei Schlägen unter Verwendung eines ungeeigneten Anlagenballs unmöglich machte. Seine Enttäuschung über die letztlich sogar vier benötigten Schläge hielt sich dennoch in Grenzen. Noch lagen ja jede Menge Bahnen vor Ihnen und alle warteten darauf, von Ingolf bezwungen zu werden....
Ein rundum rundes Leben
von Markus Köberle
- Der große Fortsetzungsroman -
Teil 1:
Teil 2:
Teil 3:
Teil 4:
Teil 5:
Teil 6:
Teil 7:
Teil 8:
Teil 5: Und Tschüss
Es war nun schon ein paar Wochen her, dass Ingolf Lochschlenker zusammen mit seinen Eltern Magda und Willi seine erste Runde Bahnengolf gespielt hatte. Der Siebenjährige hatte sich auf Anhieb in das Spiel mit den kleinen Bällen verliebt und dachte eigentlich nur noch an eines. An die nächste Runde und an Ergebnisverbesserung. Es verwundert somit nicht, dass Ingolf seine Eltern seitdem täglich anbettelte, ja geradezu nervte, wieder Minigolf spielen zu gehen. Natürlich gaben Willi oder Magda mehr als das eine oder andere Mal klein bei und Familie Lochschlenker fand sich meist kurz darauf im Auto wieder – Zielort nächste Miniaturgolfanlage im zwanzig Kilometer entfernten Putthausen..
Ingolf sammelte alle Spielprotokolle und verbesserte sich stetig. Sein Rundenrekord lag mittlerweile bei 32 Schlägen. Und auch Willi hatte neue Rekorde zu verzeichnen. Die Kilometerleistung seines Autos und damit auch seine Benzinrechnungen schossen innerhalb kurzer Zeit in bisher ungekannte Höhen.
Die Tage vergingen. Ingolf, mittlerweile acht Jahre alt, saß mit seinen Eltern beim gemeinsamen Mittagessen. Draußen regnete es so sehr, dass selbst Ingolf die Sinnlosigkeit erkannte, eine Minigolf-Kurierfahrt zu erbetteln. Er entschied sich daher heute besonders ausführlich – und dies bestimmt schon zum achtundfünfzigsten Mal – von seiner kürzlich erzielten Rekordrunde zu berichten. Ingolf wollte gerade loslegen, da teilte Willi mit, dass er und Magda ihrem Sohn etwas Wichtiges zu sagen hätten. “Hör mal zu Ingolf“, begann Willi. Ingolf zuckte, denn diese Worte hatten noch nie etwas Gutes erwarten lassen. “Mama und ich müssen Dir leider mitteilen, dass genau hier, wo wir heute wohnen, eine Straße gebaut wird. Unser Haus wird abgerissen und wir müssen umziehen. Als Entschädigung erhalten wir ein neues Haus, und zwar in Putthausen. Bestimmt ist es schlimm für Dich, hier alles aufgeben zu müssen. Was meinst Du dazu?“
Ingolf schwieg und überlegte. Nach Putthausen umziehen? In eine Gemeinde, die für einen heranwachsenden Achtjährigen eigentlich nichts, aber auch gar nichts zu bieten hatte? Kein Schwimmbad, kein Spielzeugladen, keine Eisdiele, ja nicht mal ein Fußballplatz war in Putthausen zu finden. Noch dazu musste er die Schule wechseln, sich mit neuen Klassenkameraden anfreunden und sich an eine neue Umgebung gewöhnen. Vielleicht würde auch sein neues Zimmer noch kleiner sein als bisher. Aber all dies schreckte Ingolf nicht. Ein Umzug nach Putthausen - was könnte es Schöneres geben! Liegt in Putthausen doch seine über alles geliebte Miniaturgolfanlage. Vorbei mit der Bettelei um Fahrdienste der Eltern. Vorbei mit Papas Genörgele über die hohen Benzinkosten. Und noch dazu könnte man die eingesparte Fahrzeit locker für eine zweite Runde bei jedem Besuch nutzen.
Ingolf stand auf, holte Luft und schaute seine sorgenvoll dreinblickenden Eltern tief in die Augen. Für einen Moment schien die Welt still zu stehen. Dann rief Ingolf voller Freude: “Auf geht´s – lasst uns sofort packen!!“ ...
Teil 6: Ein ganz normaler Chaostag
Es war an einem verregneten Freitagmorgen, an dem Ingolf verursacht durch ein ohrenbetäubendes Krachen aus dem Schlaf geschreckt wurde. Gleich darauf erfüllte ein lautstarker Wortwechsel zwischen Willi und Magda die Behausung der Lochschlenkers. Was um alles in der Welt brachte Ingolfs Eltern dazu, um 4.45 Uhr ein solches Spektakel zu veranstalten? “Natürlich, heute ist doch der Tag der Tage – unser Umzug nach Putthausen“, fiel es Ingolf ein. Das Krachen resultierte übrigens aus dem Zubruchgehen von Magdas geliebter Bodenvase, die Willi natürlich nur aus Versehen hatte fallen lassen. Neutral betrachtet, ein absolut abscheuliches Teil, das Ingolfs Mutter irgendwann einmal von ihrer Schwester geschenkt bekam. Nebenbei bemerkt, von einer Dame, die zweifelsohne ebenso unattraktiv war wie ihre Geschenke.
Die nächsten Stunden zeichneten sich durch emsiges, teils hektisches Packen der letzten Kisten aus. Man könnte fast sagen, alles liefe nach Plan. Willi suchte gerade zum elften Male seine Autoschlüssel, als ihn Magda darauf ansprach, für welche Uhrzeit er denn die Möbelpacker samt Umzugstransporter bestellt habe. “Wie wir es besprochen hatten, heute am Vierzehnten um 10.00 Uhr“, so Willi. Noch bevor er seinen Satz beendet hatte, wurde ihm klar, dass er sich im Datum geirrt hatte und die Umzugsfirma erst morgen kommen würde. Magda reagierte nicht unerwartet mit einer Salve von Schimpfworten, die Ingolf zuvor noch nie gehört hatte. Glücklicherweise beruhigte sich Magda wieder, als nach einer Vielzahl von Telefonaten feststand, dass die Möbelpacker doch noch heute, wenn auch erst um 14.00 Uhr, kommen würden.
Gegen Mittag machte sich bei den Lochschlenkers ein allgemeines Hungergefühl breit. Die Küche war jedoch längst demontiert, Herd und Kühlschrank natürlich auch nicht mehr in Betrieb. Zur Freude aller kam Ingolf auf die Idee, Pizza zu bestellen und diese auch gleich liefern zu lassen, da Willi wieder einmal seinen Autoschlüssel nicht finden konnte. Voller Stolz über seinen Beitrag übernahm Ingolf auch gleich die telefonische Bestellung. “Was darf´s denn sein“, wollte Francesco vom Pizza-Express am anderen Ende der Leitung wissen. Was denn gut schmecke, erkundigte sich Ingolf und erhielt die Antwort, dass “Vulcano“ der Renner im Angebot sei. “Vulkan – zwölfte Bahn in Putthausen“, dachte Ingolf laut aussprechend und wurde danach noch kurz nach seiner Adresse befragt. Zu seinem Erstaunen brach Francesco danach das Gespräch dankend ab.
Es kam wie es kommen mußte. Zusammen mit den Möbelpackern traf der Pizza-Express mit zwölf “Vulcano“ ein. Dieses Mal suchte der leicht erzürnte Willi jedoch nicht nach seinem Autoschlüssel, sondern nach den letzten Bargeldreserven. Bis er diese endlich gefunden hatte, beschränkte sich jedoch die italienische Feinkost auf eine Menge leerer Kartons. Schließlich mußten ja die Möbelpacker eine Sonderschicht schieben und hatten deshalb auch mächtigen Kohldampf.
Erstaunlicherweise verlief der Rest der Umzugsaktion sehr zügig und ohne weitere Probleme, so dass Familie Lochschlenker am späten Abend zwar todmüde, aber glücklich ihr neues Domizil beziehen konnte. Ingolfs neues Zimmer ließ keine Wünsche offen und gleich morgen würde er zum Minigolfplatz gehen und seine erste Runde als frischgebackener Bürger Putthausens absolvieren ..... .
Teil 7: Morgenstund hat Gold im Mund
Man sollte es kaum glauben, aber Lochschlenkers erste Nacht im neuen Putthausener Wohndomizil verlief ohne besondere Vorkommnisse. Wäre da nicht jenes Geräusch gewesen, dass sich verdammt nach einem tropfenden Wasserhahn anhörte. Wasserhahn hin oder her, Ingolf schlief und durchlebte in einem wunderbaren Traum erneut seine kürzlich erst erzielte 32er-Rekordrunde. Auch Magda und Willi schliefen fest. Deren Träume gestalteten sich jedoch nicht ganz so angenehm. Magda erfuhr aufs Neue den gerade erst überstandenen Umzug mit all seinen Schrecken und immer wieder hörte sie dieses fürchterliche Krachen, das aus dem Zu-Bruch-Gehen ihrer geliebten Bodenvase resultierte. Auch Willi trieb es schlafenderweise die Schweißperlen auf die Stirn. Er träumte von einem mit Wasser vollgelaufenen Erdgeschoss und war sich natürlich nicht bewusst, dass sich seine Träume in nur wenigen Stunden als wahrhaftig erweisen würden.
Es war gerade 6.12 Uhr als es Willi auf die Toilette trieb – eigentlich kein Wunder, denn seit einiger Zeit hatte Willi mit leichten Prostataproblemen zu kämpfen, welche er aber bisher seiner Familie erfolgreich verschweigen konnte. Doch an diesem Morgen konnte von kleineren Feuchtigkeitsproblemen keine Rede mehr sein.
Die sich im Erdgeschoss befindliche Toilette sowie der gesamte Rest der Etage stand nahezu zwanzig Zentimeter unter Wasser. “So eine Scheiße“, entfuhr es Willi ohrenbetäubend laut und natürlich war auch in Kürze der Rest der Familie hellwach. Es dürfte sich erübrigen zu erörtern, dass sich zunächst panikartige Aktionen im Hause Lochschlenker abspielten. Vielleicht nur soviel: Willi vergaß in all der Hektik aufs Klo zu gehen und erhöhte so ungewollt den Erdgeschoss-Wasserpegel um einen weiteren knappen Zentimeter. Dass Willis Schlafanzughose nun klitschnass war, fiel zumindest Magda nicht auf. Konnte es ja auch nicht. Denn sie verfiel im knöchelhohen Wasser stehend in einen Heulkrampf, der sich bis hin zu hysterischen Schreikrämpfen entwickelte. “Warum sind eigentlich Deine Hosen oben rum so nass?“, wollte Ingolf von seinem Vater während einer kurzen Luftholpause seiner Mutter wissen. Dieser beantwortete die gestellte Frage aus gutem Grunde nicht. Er nutzte statt dessen die Gelegenheit mitzuteilen, dass er den Haupthahn gefunden und mittlerweile abgestellt habe. Den Rest des Tages verbrachten die Lochschlenkers erwartungsgemäß mit dem Aufwischen überflüssigen Wassers und den verzweifelten Versuchen, die Inhalte der noch nicht ausgepackten Umzugskisten irgendwie zu trocknen.
Als einziger fand Ingolf die ganze Sache doch irgendwie witzig und beim Auspacken der durchweichten Kisten stieß er auch auf “Flummi“, seinen geliebten Knautschball, dessen Durchmesser je nach Druckstärke exakt zwischen 37 und 43 Millimetern variierte. Und natürlich fiel es ihm da wieder ein. Heute sollte doch jener Tag sein, an dem er als frischgebackener Bürger Putthausens eines der schönsten Dinge dieser Welt tun wollte – nämlich Minigolf spielen! ...
Teil 8: Bitte eine Runde!
Es gibt Tage, an denen Eltern einfach bescheuert sein können. Nur weil ein bißchen Wasser im Erdgeschoss des Hauses steht, soll es keine Möglichkeit geben, ein Ründchen Minigolf spielen zu gehen? Trotz aller Bettelei lassen sich Magda und Willi nicht erweichen. Ingolf aber bleibt hart und erreicht schließlich, dass er erstmals alleine zum Minigolfplatz gehen darf. Mit ein paar Euros in der Tasche macht er sich auf den Weg.
Sein Weg führt ihn vorbei an seiner neuen Schule, die er schon bald nach Ende der Ferien besuchen würde, an einem kleinen Bäckerladen, an der einzigen örtlichen Metzgerei, an der Kirche und am Büro des Heimatvereins Putthausen e.V.. Schon kurz danach war Ingolf an jenem kleinen Park angekommen, in dem auch die Putthausener Miniaturgolfanlage gelegen war. “Bitte eine Runde“, so Ingolfs Worte.
Und was zu diesem Zeitpunkt keiner ahnen konnte - mit diesen drei einfachen Worten sollte sich für Ingolf die Tür in eine Zukunft öffnen, die nicht nur ihn, sondern auch Putthausen und den Bahnengolfsport noch weltberühmt machen sollte. Doch noch war es nicht soweit.
Ingolf wird nach seiner Bitte ausgestattet mit zwei, mehr oder weniger unrunden Bällen und einem für einen Achtjährigen viel zu langen Schläger. Und dennoch - Ingolf absolviert Labyrinth, Salto, Niere, Schnecke und auch alle anderen Bahnen mit akzeptablen Ergebnissen. Einzig am Netz benötigt er satte 6 Schläge. Am Ende stehen letztlich 34 Schläge zu Buche. “Kein neuer Rekord. Aber durchaus ausbaufähig, wenn man bedenkt, dass nur eine Bahn so richtig daneben gegangen ist“, resumiert Ingolf und tritt durchaus zufrieden seinen Heimweg an. Völlig untypisch für einen Jungen seines Alters vergißt er sogar, das Restgeld noch in ein Speiseeis umzusetzen.
Zu Hause angekommen zeigt sich alles wie gehabt. Willi und Magda sind noch immer im Stress und so entscheidet sich Ingolf nach einem improvisierten Abendessen mit etwas aufgeweichten Brötchen für ein freiwilliges Insbettgehen. Freiwillig Schlafengehen gab es noch nie, aber es hatte seinen guten Grund. Ingolf wollte in Ruhe noch einmal alle Bahnen in Gedanken durchgehen und sich damit schon einmal auf seine nächste Runde vorbereiten....
Fortsetzung folgt ....
Geschäftsstelle:
Willkommen auf der Homepage des
1. MGC Ladenburg e.V.
(c) 2010 1. Miniaturgolf-Club Ladenburg e.V.
Weidenstrasse 21
68526 Ladenburg
Tel.: 06203 / 15593
Fax: 06203 / 16615
info (at) minigolf-ladenburg.de
Nomen est omen
Des Rätsels Lösung
Aller Anfang ist schwer
Weniger ist oftmals mehr
Und Tschüss
Ein ganz normaler Chaostag
Morgenstund hat Gold im Mund
Bitte eine Runde!

Fortsetzunf folgt ...